Ihren Hund verstehen

Ihren Hund verstehen

Peter Neville ist Experte für Hundeverhalten. Hier beantwortet er einige typische Fragen zum Verhalten Ihres Familienhundes, die Ihnen dabei helfen sollen, Ihren Hund besser zu verstehen.

Peter Neville ist Experte für Hundeverhalten. Hier beantwortet er einige typische Fragen zum Verhalten Ihres Familienhundes, die Ihnen dabei helfen sollen, Ihren Hund besser zu verstehen.

TRAINING UND ERZIEHUNG

Welpen sind anfangs noch gar nicht in der Lage, ihr Geschäft an Ihrem Platz zu verrichten: Die Mutter muss ihnen dafür erst über den Bauch lecken, und bleibt deswegen auch immer in der Nähe, um ihre Jungen und den Liegeplatz sauber und trocken zu halten. Vielleicht hat Ihr Welpe Mühe, sich an den neuen „Bau“ zu gewöhnen. Die Erziehungsarbeit besteht deshalb einfach darin, Ihrem Welpen zu zeigen, dass das ganze Haus sein „Bau“ ist und er deshalb immer sein Geschäft ausserhalb erledigen muss. Führen Sie ihn regelmässig nach draussen (am Anfang jede Stunde oder alle zwei Stunden, auch nachts und sofort nach den Mahlzeiten, dem Spielen und dem Schlafen) und loben Sie ihn mit ruhiger Stimme, wenn er sein Geschäft verrichtet. Spielen Sie noch ein wenig mit ihm, bevor Sie wieder hineingehen. So ermuntern Sie ihn dazu, sein Geschäft ausserhalb des Hauses – idealerweise an dem von Ihnen vorgesehenen Platz – zu erledigen.
Die Fähigkeit, nachts „durchzuhalten“ erwirbt ihr Welpe erst nach einiger Zeit. Sie müssen wahrscheinlich noch einige Wochen lang in der Nacht alle 2–3 und später 3–4 Stunden aufstehen, um ihm dabei zu helfen. Verwirren Sie ihn nicht, indem Sie spezielle Unterlagen oder Zeitungspapier auf dem Boden auslegen, denn das würde ihn nur dazu anregen, sein Geschäft im Haus zu verrichten. Viel günstiger und letztendlich auch schneller ist es, wenn Sie dafür sorgen, dass Ihr Welpe immer dann schon draussen ist, wenn er müssen könnte.
Training und Erziehung tun allen Hunden gut, ganz unabhängig von ihrem Alter. Welpen lernen zwar minimal leichter, aber auch älteren Hunden kann man noch viel beibringen! Dazu bietet das Training auch eine ideale Gelegenheit, um einfach Spass miteinander zu haben. Wird Verhalten belohnt, so wird es sehr wahrscheinlich auch wiederholt: Wenn Ihr Hund ihrem Kommando „Sitz“ folgt, Sie ihm einen leckeren Snack geben und ihn dabei loben, macht er beim nächsten Mal wahrscheinlich noch schneller „Sitz“. Nicht alle Hunde kann man gut mit Futter belohnen, manche motiviert die Chance, mit einem bestimmten Spielzeug spielen zu dürfen oder von Ihnen gelobt zu werden, weit mehr. Experimentieren Sie daher ein wenig, um herauszufinden, welcher Anreiz für Ihren Hund am besten funktioniert.
Training und Erziehung sollten immer positiv und belohnungsorientiert sein. Hunde lernen dann am besten, wenn Sie belohnt werden möchten, nicht wenn Sie Angst haben, für Fehler bestraft zu werden. Das grundlegende Prinzip hinter Training und Erziehung ist sehr einfach: Wird Verhalten belohnt, wird es höchstwahrscheinlich auch wiederholt. Geben Sie Ihrem Hund, wenn Sie ihm etwas Neues beibringen, eine Belohnung, die er besonders gerne mag. Sobald er eine Übung beherrscht, bieten Sie ihn erst niederwertigere Belohnungen und belohnen Sie ihn danach nur noch unregelmässig – so bleibt das Interesse Ihres Hundes, Ihre Anweisungen zu befolgen, viel grösser. Halten Sie die Übungseinheiten kurz, aber wiederholen Sie sie mehrmals am Tag, damit das Training für Ihren Hund immer spannend bleibt. Es empfiehlt sich, an einem Trainingskurs für Welpen (z. B. bei Ihrem Tierarzt) teilzunehmen. Dort lernen Sie viele Tipps und Techniken kennen und erfahren, wie Sie am besten mit Ihrem Hund umgehen und auf ihn reagieren; ausserdem schliessen Sie beide dort schnell neue Freundschaften und haben garantiert eine Menge Spass.
Die meisten Wildhunde und Wölfe ziehen ihre Welpen in mehreren Bauen auf, die umso mehr Sicherheit bieten, je eigenständiger die Welpen werden. Deshalb fühlen sich auch unsere Haustiere an dunklen, abgeschlossenen und höhlenartigen Plätzen besonders wohl. Der Hundeplatz sollte sich daher an einem Ort befinden, der nicht nur bequem für Sie ist, sondern vorrangig Ihrem Hund zusagt – etwa unter einem Tisch oder in einer sicheren ruhigen Ecke. Falls vom Platz her möglich, sollten Sie ihm am besten eine Textil-Hundehütte oder eine Hundebox mit weicher Unterlage zur Verfügung stellen, die Sie mit einer Decke abdunkeln. So bieten Sie Ihrem Hund einen sicheren Rückzugsort, an dem er sich vollständig entspannen und ungestört schlafen kann.
Dem Hund das Kauen zu verbieten ist unfair – das ist, als wolle man ihm das Schwanzwedeln verbieten! Das Kauen ist ein starker natürlicher Instinkt, insbesondere bei jungen Hunden. Wie Menschenbabys auch entdecken Welpen neue Gegenstände, indem sie sie ins Maul nehmen – so erforschen sie ihre Welt. Auch wenn ihre Milchzähne ausfallen und die bleibenden Zähne herauskommen, kauen Hunde viel. Das Zahnen beginnt schon ab dem dritten Monat und hält etwa bis zum siebten Monat an. Das Beissen auf einem sicheren Spielzeug kann auch in ängstlichen Momenten stresslindernd wirken, z. B. wenn der Hund kurz alleingelassen werden muss. Vergewissern Sie sich stets, dass Ihr Hund Zugang zu seinen eigenen, geeigneten Kauspielzeugen (Seil- oder Nylonspielzeug, Büffelhautknochen und unter Aufsicht – spezielle Kauknochen) hat – das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Instinkt an Ihren Schuhen und Möbeln auslässt, erheblich! Wenn Sie ihn „auf frischer Tat“ ertappen, fordern Sie ihn mit ruhiger Stimme auf, den Gegenstand fallenzulassen und zu Ihnen zu kommen, damit Sie ihm dafür eines seiner eigenen Spielzeuge geben können.
Denken Sie daran, dass auch wenn die hauptsächliche «Kauphase» Ihres Hundes während seines ersten Lebensjahres stattfindet, er auch als ausgewachsener Hund und bis ins Alter weiter kauen muss – denn das Kauen bringt ihm Spass und Entspannung und dient zusätzlich als Zahnpflege. Wenn Sie Ihren Hund dabei ertappen, wie er auf etwas «Verbotenem» kaut, nehmen Sie es ihm nicht übel. Bleiben Sie gelassen, nehmen Sie ihm einfach den Gegenstand weg und ersetzen Sie diesen durch eines seiner eigenen Kauspielzeuge. Dabei erweist es sich als ausgesprochen nützlich, wenn Sie ihm beibringen, Gegenstände auf Kommando fallen zu lassen, ihn dafür loben und seine eigenen Kaugegenstände und Spielzeuge geben – so ersparen Sie sich unnötige Konflikte. Es empfiehlt sich zudem, an einem Trainingskurs für Welpen teilzunehmen, bei dem Sie mit den grundlegenden Elementen der Hundeerziehung vertraut gemacht werden.

PFLEGE

Bei der Fellpflege geht es um viel mehr noch als das Sauberhalten und Entwirren des Fells Ihres Hundes. Sie bietet vielmehr eine wichtige soziale Erfahrung, dass Sie beide zusammenschweisst und Ihre Beziehung aufrechterhält und vertieft. Gewöhnen Sie Ihren Welpen vom Tag seiner Ankunft an das Bürsten, indem Sie ihm jedes Mal, wenn er auf Ihrem Schoss liegt, sanft über das gesamte Fell streichen. Es empfiehlt sich auch, ihm hin und wieder einen Snack zu geben, wenn er dabei entspannt bleibt. Führen Sie dann nach und nach der Fellpflege immer ähnlichere Bewegungen ein – anfangs noch mit den Händen, und nur ca. 30 Sekunden lang. Verlängern Sie die Dauer dieser «Streicheleinheiten» schrittweise und versuchen Sie es dann mit einer ganz weichen Bürste. Wahrscheinlich wird Ihr Hund dies lieben, und so können Sie schon bald beginnen, auch empfindlichere Bereiche, wie etwa seinen Bauch, zu bürsten. Bürsten Sie ihren Hund einmal täglich am ganzen Körper über, auch wenn er kurzes Fell hat, denn so fallen Ihnen etwaige Veränderungen an seinem Fell oder seiner Haut sofort auf und Sie können Sie frühzeitig behandeln. Bitten Sie Ihren Tierarzt oder Ihren Hundefriseur um Ratschläge.
Ein wenig Einfallsreichtum bei der Fütterung kann die Beziehung zu Ihrem Hund bereichern und seinen Tag abwechslungsreicher machen: Nehmen Sie doch z. B. an seinen Mahlzeiten teil oder bieten Sie ihm Futter während des Trainings als Belohnung an. Sie haben auch die Auswahl zwischen zahlreichen «Snack-Spielzeugen», in denen Sie z. B. Kroketten verstecken können die herausfallen, wenn das Spielzeug angestupst, gerollt oder in die Luft geworfen wird, und Spielzeugen, bei denen Ihr Hund erst eine kleine Aufgabe lösen muss, um an das Futter zu gelangen. Wenn Sie nur kleine Mengen in dieses Spielzeug füllen, muss Ihr Hund es immer wiederbringen, um es von Ihnen wieder auffüllen zu lassen und weiter Spass daran zu haben. Dies fördert nicht nur die Entwicklung von Geist und Körper, sondern befriedigt auch sein angeborenes Bedürfnis nach Aktivität bei der Futtersuche und verstärkt Ihre «elterliche» Versorgerrolle.
Hunde wollen nicht immer getrennt von uns schlafen und ruhen – meistens bleiben sie am liebsten so viel wie möglich in der Nähe ihrer Familie. Wenn Sie Ihr Sofa mit ihm teilen möchten, ist das vollkommen in Ordnung – Hauptsache, Sie haben ihm auch beigebracht, herunterzugehen, wenn Sie ihn dazu auffordern. Alternativ dazu können Sie ihm auch einen bequemen Hundeplatz in der Nähe des Sofas oder des Betts einrichten, wenn er Sie im Schlafzimmer nicht stört. So freut sich Ihr Hund über Gesellschaft beim Schlafen und Ruhen. Denken Sie jedoch daran, dass Sie ihn, wenn er es einmal gewohnt ist, im Schlafzimmer zu übernachten, wahrscheinlich später nicht mehr so leicht dazu bringen können, woanders zu schlafen.
Die meisten Hundearten wurden ausgewählt und gezüchtet, um sehr körperliche Arbeiten zu verrichten – Beutetieren hinterherzujagen, Fährten kilometerweit aufzuspüren, Viehherden zu hüten oder zu beschützen, Schlitten oder Karren zu ziehen oder unsere Besitztümer zu bewachen. Deshalb geniessen sie häufig besonders solche Aktivitäten, die den körperlichen und mentalen Anforderungen dieser ursprünglichen Aufgaben entsprechen. Labradore sind von Natur aus Apportierhunde; versuchen Sie es doch einmal mit ruhigen Fang- und Apportierspielen und Fährtenaufgaben wie dem «Versteckspiel». Labradore sind zudem echte Wasserratten. Probieren Sie es mit Spielen im Wasser (aber vermeiden Sie besser bei einem älteren Hund kaltes Wasser) und lassen Sie ihn z. B. schwimmende Spielzeuge holen. Auch einfallsreiche Futterideen können seinen Tag etwas abwechslungsreicher machen: Sie haben auch die Auswahl zwischen zahlreichen «Snack-Spielzeugen», in denen Sie z. B. Kroketten verstecken können die herausfallen, wenn das Spielzeug angestupst, gerollt oder in die Luft geworfen wird, und Spielzeugen, bei denen Ihr Hund erst eine kleine Aufgabe lösen muss, um an das Futter zu gelangen. Wenn Sie nur kleine Mengen in dieses Spielzeug füllen, muss Ihr Hund es immer wiederbringen, um es von Ihnen wieder auffüllen zu lassen und weiter Spass daran zu haben.

SOZIALISIERUNG

Manche Hunde sind gehemmter als andere, wenn Sie neue Menschen kennenlernen. Die ursprünglich für das Bewachen und Beschützen von Viehherden, Menschen und deren Besitz ausgewählten Rassen sind z. B. häufig von Natur aus etwas reservierter als solche Rassen, die – wie etwa Schosshunde – als Gesellschaftshunde gezüchtet wurden. Trotzdem ist es möglich, Welpen aller Typen und Rassen beizubringen, vertrauensvoll und freundlich auf Menschen zuzugehen. Um sie zu sozialisieren, bedarf es nur der Hilfe einiger freiwilliger «hundeerfahrener» Besucher, vieler Snacks und Spielzeuge. Bitten Sie auch Ihren Hunde-Motivationstrainer um Unterstützung, fragen Sie Ihren Tierarzt oder nehmen Sie an einem Hundetrainingskurs teil, um sich die Techniken anzueignen, mit denen Sie die sozialen Fähigkeiten Ihres Hundes erweitern und sein Vertrauen aufbauen können.
Auch die Rasse spielt eine Rolle bei der Aufgeschlossenheit eines Hundes gegenüber anderen Tieren. Ein Jagdhund ist z. B. meist sehr kontaktfreudig und fühlt sich in Gesellschaft anderer Hunde und Katzen zuhause «pudelwohl». Manche Hunde kommen besser mit Katzen zurecht als andere. Windhunde etwa müssen sorgfältig auf das Kennenlernen einer Katze vorbereitet werden, und es bedarf grösserer Geduld und Aufmerksamkeit ihnen gegenüber, bevor sie sich mit ihren kätzischen Mitbewohnern wirklich anfreunden. Versuchen Sie es mit mehreren kurzen, von Ihnen beaufsichtigten Begegnungen am Tag, wobei Sie Ihren Hund zur Sicherheit der Katze angeleint lassen und belohnen, sobald er aufhört, die Katze anzustarren. So sorgen Sie dafür, dass er immer toleranter wird und ebnen den Weg für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Ihren beiden Vierbeinern. Bringen Sie für die Übergangszeit eine Treppenabsperrung oder ein Schutzgitter an, damit Ihre Katze nach oben oder in ein anderes Zimmer in Sicherheit flüchten kann, wenn Sie Ihren Hund einmal nicht beaufsichtigen können. Sorgen Sie dafür, dass ihr in diesem sicheren Bereich auch Futter, Spielzeuge, Wasser, Kratzbaum und Toilette zur Verfügung stehen!
Ein Hund, der heutzutage als Haustier mit Menschen zusammenlebt, ist erheblich weniger aktiv als seine Vorfahren es noch waren. Langweilt sich Ihr Hund, obwohl er doch voller Energie steckt, sucht er sich schnell seine eigene Beschäftigung – so entstehen problematische Verhaltensweisen. Hunde müssen unbedingt die Möglichkeit haben, sich körperlich zu verausgaben und gleichzeitig auch geistig gefordert werden. Spielen Sie zusammen, trainieren Sie über den ganzen Tag verteilt in kurzen, fünfminütigen Einheiten, und bieten Sie ihm für die Zeit, in der Sie selbst beschäftigt sind, ausreichend Spielzeug und sichere Kaugegenstände, damit auch er genug zu tun findet. Auch bei Ihren Spaziergängen ist Abwechslung wichtig: Wenn Sie Ihren Hund stets zur selben Tageszeit in denselben Park führen, kann das sowohl für ihn als auch für Sie sehr eintönig werden. Entdecken Sie gemeinsam neue Umgebungen – Ihr Hund wird mit Begeisterung Neues sehen, hören und erschnüffeln! Nehmen Sie an einem Trainingskurs für junge Hunde teil, um sich mit den grundlegenden Elementen der Hundeerziehung vertraut zu machen.